Es ist 6 Uhr, die Luft ist kühl und ich bin ziemlich ausgeschlafen. Bin ich doch den Abend zuvor total geschafft ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen. Für mich ist das sehr ungewöhnlich. Was mir an diesem zweiten Tag aber auffällt, mir geht es etwas besser. Die Anspannung vom Vortag ist zwar noch da, aber nicht mehr so ausgeprägt. Da ich am Vortag meine Plan bekommen hatte, wusste ich, was heute ansteht. Ich verließ also das Bett und ging in das Bad meines kleinen aber feinen Zimmers – hat um die 10m2 – und stellte die Dusche auf eine angenehme Temperatur. Was nicht fehlen darf, die Musik, denn ohne geht bei mir gar nichts. Nach der erholsamen Dusche machte ich mich fertig für das Frühstück und zog mir etwas bequemes an.

Vorher musste ich aber noch zur Blutentnahme, nüchtern versteht sich. ich war wohl nicht der einzige, der das auf dem Plan stehen hatte. Vor mir waren noch 7 andere Patienten da. Wir spielten so etwas, wie die Reise nach Jerusalem, denn jeder rückte immer einen Sitz auf, um zu signalisieren, dass er der nächste sei. Irgendwie witzig, dass sich so eine Gruppendynamik auch auf alle nachkommenden Patienten übertrug. Einige ältere Damen machten das aber nicht mit und blieben auf ihrem festen Stuhl sitzen. Mir sollte es egal sein, ich war der nächste.

Die Pflegerin suchte bei mir nach einer geeigneten Stelle, wo sie die Nadel ansetzen konnte. Ich kannte die besten Stellen, denn bei mir wird öfter Blut entnommen. Ich hielt ihr also ganz selbstverständlich meinen linken Arm hin, in dem glauben, dass sie, wie alle anderen auch, direkt in der Armbeuge einsticht – falsch gedacht. Sie entschied sich für die Außenseite meines Unterarmes, warum auch immer. Ich war genervt, weil es ziemlich schmerzte! Ab zum Frühstück dachte ich mir – blöde Kuh.

Ein großer Saal mit einer enormen Akustik

Als einer der ersten im Saal genoss ich die Ruhe und stellte mir mein Frühstück zusammen. Es gab frische Brötchen, Mehrkorn- und Schnittbrötchen und eine große Auswahl an Wurst und Käse. Es gibt auch frisches Obst und einen mittelmäßigen Kaffee – aber ich will nicht klagen. Jeder Patient hat einen zugewiesenen Platz und eine feste Uhrzeit, Corona-Bedingt, für die gesamte Zeit des Aufenthalts. Die Patienten sitzen versetzt voneinander, so dass der Mindestabstand zumindest im Ansatz eingehalten wird. Ich aber war alleine an meinem Tisch und fühlte mich etwas komisch.

Eine halbe Stunde Zeit hat man für seine Mahlzeit, ehe die nächste Gruppe kommt. Die volle Zeit nutzte ich nie und war meist nach 10 Minuten durch – ich fühlte mich einfach unwohl. Außerdem war es auch unfassbar laut und das kann ich ja morgens überhaupt nicht leiden. Dabei war ich ja eh schon bedient, durch die übermotivierte Pflegerin bei der Blutentnahme.

Ich hielt es nicht aus uns wurde innerlich immer unruhiger. Mir war danach einmal kurz aufzustehen und für Ruhe zu sorgen. Aber ich wusste, dass es keine gute Idee ist, wenn ein Neuankömmling gleich übermütig wird. Also versuchte ich es zu ignorieren und stand auf, ging zur Geschirrablage und verschwand auf meinem Zimmer, aber nur für einen kurzen Augenblick. ich holte mein Handy und meine Kopfhörer und erkundete den großen Park auf der noch zur Klinik gehört. Es war mild, die Sonne schien und leichter Wind streifte mir durch das Gesicht. Wie schön. Der Park ist große und umgeben von vielen Bäumen, die eine Einsicht von außen erschwerte. Zwischen den Bäumen stehen immer wieder Bänke, die dazu einladen, sich im in der Ruhe fallen zu lassen und dies einfach zu genießen. Ich hörte aber Musik, weil mich sie mich sehr beruhigt.

Der nächste Bitte.

Um 11:45 Uhr hatte ich schon den nächsten Termin. es ging zur Teamvisite. Ein Runde von 5 Personen, die mich erwarteten. Anwesend waren die Chefärztin, der Therapeut, der Arzt und eine Pflegerin – in meinem Fall auch noch die, die mir das Blut abgenommen hatte. Die fünfte Person in dieser Runde war eine Praktikantin, die ebenfalls der Schweigepflicht untersteht. ich war von der großen Runde etwas eingeschüchtert, alle fixierten mich mit ihrem Blick – ein Unwohlsein überkam mich.

Die Chefärztin begrüßte mich freundlich und stellte sich vor, ehe der Therapeut, der bei mir das Aufnahmegespräch geführt hat, aber nicht mein Bezugstherapeut war, das Gespräch vom Vortag zusammenfasste. Während er verlas, verschwand ich mit meinen Gedanken in die Vergangenheit und die Bilder der einzelnen Situationen waren direkt vor meinen Auge. Die Chefärztin unterbrach den Therapeuten und fragte mich, wo ich gedanklich gerade sei. Ich erwiderte, dass sich die Bilder und die Erinnerungen aus meiner Kindheit breit machten und ich mich unwohl fühle.

Sie sagte mir, dass ich mich von der Vergangenheit lösen und die Gegenwart wahrnehmen soll. Natürlich dachte mir, ich lege einfach den Schalter um und dann funktioniert das von ganz alleine. An sich verlief das Gespräch in der Visite recht gut und man nannte das Pferd beim Namen: eine rezidivierende Depression mit PTBS. Im Klartext: immer wiederkehrende depressive Episoden, die durch meine Kindheit und die damit verbunden ERINNERUNGEN an die Erlebnisse, ausgelöst werden. Auf dieses Thema werde ich aber in einem späteren Beitrag eingehen.

Spring im Rhythmus, liebes Herz

Nach der Teamvisite ging es mir nicht gut. Irgendwie hat mich dieses Gespräch in ein tiefes Tal gezogen. Es war komisch, dass alles von einer anderen Person zu hören, die es so genau auf den Punkt gebracht hat. Mir wurde immer mehr bewusst, dass ich krank bin. Mit dieser schlechten Gefühlslage ging ich zum EKG, wo aber nichts auffälliges zu sehen war.

Leider war das auch der letzte Termin auf meinem Plan und ich konnte die zeit von nun an komplett für mich nutzen. Das Zimmer war mein kleiner Zufluchtsort, meine sichere Base, wo ich mich einigermaßen sicher fühlte. Mein Tag endete mit einem Buch: Die Macht Ihres Unterbewusstseins, von Dr. Joseph Murphy – ein sehr interessantes Buch und dem Abendessen in der zu lauten Kantine.

Auch das gehört zur Eingewöhnung dazu

“Es ist wichtig diesen Tag zu schaffen. Morgen ist ein neuer Tag.”

Mein erster Tag in der Klinik.