Ich habe ja schon Eingangs in meinem Blog auf mögliche Trigger hingewiesen und mache das an dieser Stelle nochmals.

Ich möchte schon jetzt vorsorglich darauf hinweisen, dass hier an manchen Stellen sensible Themen behandelt werden, wie Missbrauch, Gewalt und Panikattacken. Daher möchte ich mögliche Trigger nicht ausschließen.

Meine Kindheit – eine Welt in schwarz und weiß

Die Kindheit, die schönste Zeit unseres Lebens. Frei von Gedanken, Sorgen und Verantwortung, entdecken wir die Welt mit unseren eigenen Augen. Vollkommen losgelöst, von jeglichen medialen Einflüssen, lernen wir die Menschen und ihre vielfältigen Kulturen kennen. Sie lernen spielerisch und erforschen mit all ihren Sinnen. Gerade in den jungen Jahren ist das Gehirn so leistungsfähig, dass Kinder kleine Lernwunder sind, wenn Eltern sie dabei unterstützen und fördern. Um einen vielfältigen Lernprozess bei Kindern anzustoßen, sollten Eltern darauf achten, dass sie eine Umgebung schaffen, die Kinder dazu anregen, diese mit ihren Sinnen entdecken zu wollen.

Lernen ist ein sozialer Akt, wo es auf Kontakte und Austausch mit anderen ankommt. Dabei zählt das nicht nur für Kinder. Der Kontakt und der Austausch mit anderen Menschen fördert und fordert unser Gehirn – es bleibt dadurch fit. Soziale Kontakte sind kognitiv herausfordernd. Entscheidend dabei ist aber auch die Qualität der Beziehungen, die wir zu Menschen führen. Die Quantität spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Es kommt also nicht darauf an, wie viele soziale Beziehungen wir haben, sondern wie intensiv wir diese pflegen und führen.

Kinder lernen von den Eltern

Du fragst dich jetzt sicherlich, warum ich mein Kapitel so beginne. Nun, ich als Kind hatte diese Voraussetzungen nicht. Meine Kindheit ist anders verlaufen. Ich habe die Welt nicht spielerisch entdeckt, zwar mit allen Sinnen, aber nicht so, wie es für ein Kind üblich sein sollte.

Ich lebte in einer Welt, die nicht bunt war, die kein Spaß machte und die mich nicht dazu animierte, diese spielerisch entdecken zu wollen. Meine Welt war schwarz-weiß, die ich akzeptierte, weil ich sie nicht anders kannte. Es war eine Zeit, in einer Welt, die ich Jahrzente geleugnet und verdrängt habe, weil die Erinnerungen Wut, Hass und Scham in mir auslösen. So lange Zeit habe ich es geschafft zu vergessen, wer ich bin, was ich erlebt habe und wer meine Eltern sind. Vergessen, wer ich bin?

Wer bin ich eigentlich?

Eine Frage, die ich mir fast 30 Jahre gestellt habe – auf der Suche nach dem perfekten ICH, dem Charakter, den alle mögen, der jedem gerecht wird und der unverwundbar ist. Dem ICH, der nicht daran denken muss, was passiert ist, der ein unbelastetes Leben führen kann. Dem perfekten ICH für mehr Glück? Dem ICH, der als Außenseiter, als Mensch mit tiefen Narben seine Rolle in der Gesellschaft fand. Dem ICH, der alles über sich ergehen ließ, um dazu zu gehören, auch wenn ich wusste, dass es nicht der richtige Umgang war. Ernüchternder ist nur noch die Einsicht, dass ich trotz aller Bemühungen nicht dazugehörte und ich einfach das Mittel zum Zweck war.

Schön blöd denkst du dir jetzt? Sage ich mir heute auch, aber zu dem Zeitpunkt wusste ich es einfach nicht besser. So naiv wie ich seinerzeit war, stürzte ich mich oft in den Prozess der Selbstoptimierung und distanzierte mich immer mehr von meinem wahren ICH.Die Lage, in der ich mich befand, kann ich auch heute nicht in Worte fassen – es war ein Zustand, die eine Mischung aus Angst, Selbstzweifel und Hass war. Der Hass richtete sich dabei auf meine Mutter, die mitunter dafür verantwortlich war, dass sich Ängste und Selbstzweifel in mir breit machen konnten. Dabei sollten doch gerade die Eltern den Kindern eine Stütze sein, sie aufmuntern, ermutigen und sie lieben.

Eltern sind das Fundament ihrer Kinder. Wenn das allerdings nicht sitzt, dann wanken die Kinder und wirken instabil – aber nicht nur nach außen hin. Ich litt als Kind unter einer emotionalen instabilen Persönlichkeitsstörung, die sich auch heute noch bemerkbar macht. Bekannt unter dem Begriff Borderline-Syndrom, hatte ich Probleme mit der Steuerung von Gefühlen und innerer Anspannung, die sich wie folgt äußerten:

  • Die Empfindung von innerer Leere und Selbstzweifel
  • Selbstverletzung und Schädigung, sowie ausgeprägte Angstgefühle
  • Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich in Konfliktsituationen widerspiegeln

Wenn die Vergangenheit dich blockiert

Diese Auswirkungen spüre ich teils heute noch und kommen, auch wenn ich vom Kopf her dagegen ankämpfe. Die Gefühle überkommen mich einfach. Gerade das zwischenmenschliche litt bei mir sehr darunter, denn ich neigte oft dazu mich zu verschließen und zu distanzieren. Oft suchte ich die einsamen Minuten, aus denen dann Stunden, Tage und Wochen wurden. Eine komplette Isolation von der Gesellschaft und dem Leben, dass ich eigentlich genießen sollte. Dabei bin ich ein sehr offener und kommunikativer Mensch, der in der Lage ist, sich auf verschiedene Situationen und Menschen einzulassen. Ich schreibe jetzt bewusst nicht „anzupassen“, denn das sollte man tunlichst vermeiden – gerade, wenn du „frei“ Leben möchtest. Nur wer aufhört, anderen Menschen zu gefallen, sich Gedanken darüber macht, was andere von einem halten, nur der kann ein freies Leben führen.

„Du hast dich befreit, jetzt sei frei und genieße dein Leben. Denke nicht zurück an das, was war – lebe“

Diesen Satz, verwende ich heute sehr bewusst, aber noch gar nicht so lange. Zu meiner damaligen Zeit kannte ich solche Zitate gar nicht, war das Leben doch ohne Sinn und Perspektiven. Ein Leben, gemacht und geschrieben von einer Person, für die ich keine Liebe empfinde und nie empfinden werde.

Mein zweiter Tag in der Klinik.